IKS 2018 - Eindrücke

Antworten aus dem Fragebogen, den die teilnehmenden Schweizer Studierenden ausgefüllt haben.

Den Fragebogen ausgefüllt haben 
Leonie, Olivia, Silvan, Salome, Haris, Daisy, Fabian, Anja, Melanie und Veronika. Sie sind die zehn Studierenden aus der Schweiz, die sich auf unser Praktikumsangebot bzw. auf die Jugendbegegnung in Bosnien und Herzegowina vom 13. Juli bis 14. August 2018 eingelassen haben.

Während vier Wochen haben sie in zwei Gruppen mit je 15-20 freiwilligen Jugendlichen in den mittelbosnischen Kleinstädten Vares und Novi Travnik gemeinschafts-, friedens- und gesundheitsfördernde Freizeitangebote für Kinder- und Jugendgruppen gestaltet.

Im einführenden viertägigen Workshop lernten sie sich untereinander und mit den bosnischen Leitungspersonen kennen und planten mit ihnen gemeinsam das Einführungscamp für alle Freiwilligen. In der 2. und 3. Woche organisierten sie für Kindergruppen in ethnisch verschiedenen Dorfteilen ein tägliches Workshopprogramm mit kreativen, sozialen, sportlichen, spielerischen Aktivitäten. Den Höhepunkt bildete das abschliessende Kids Festival, zu welchem alle Kinder, Eltern, Behörden und die ganze Bevölkerung eingeladen waren. Mit einem Auswertungslager für alle freiwilligen Jugendlichen und dem Evaluationsworkshop der Leitungspersonen in Sarajewo schloss das Projekt ab.

 

Welches Erlebnis/welche Erfahrung kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an die IKS 2018 denkst. Was ist für dich besonders nachhaltig und warum?

„Ich denke sofort an tolle Begegnungen, die ich gemacht und Freundschaften, die ich geschlossen habe, sowie an Personen, die ich unbedingt wieder besuchen werde. Nachhaltigkeit sieht man in den Dörfern, in denen das Projekt umgesetzt wird. Es bringt Kinder, Jugendliche und Erwachsene von umliegenden Siedlungen und von verschiedenen Religionen zusammen. Es wird ein Gemeinschaftsgefühl im Dorf erweckt.“

„Mir kommen als erstes das Kennenlern-Camp im Lagerhaus Bocica und das Kids Festival in den Sinn. Beide Male war die Stimmung hervorragend und jeder, der mitmachte, ob gross oder klein, war 100% mit dabei und hatte Spass. Dieses positive Gruppengefühl hat sich durch alle vier Wochen gezogen und macht meiner Meinung nach das Projekt auch aus. Sich besser kennenzulernen und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, sind Erfahrungen und Erinnerungen, die nachhaltig bleiben. Auch die Riesenmenge von Kindern auf dem Platz vor dem Gemeindehaus in Novi Travnik, tanzend und lachend, das ist etwas, was man nicht mehr vergisst. Das Gefühl, dass wir gemeinsam etwas erreicht haben und den Kindern eine Freude bereiten konnten, ist wunderbar.

 

Welche Kompetenzen (d.h. Kenntnisse, Fähigkeiten und Haltungen/Einstellungen) konntest du durch die Teilnahme an den IKS 2018 erwerben/verbessern? Wie/wodurch zeigt sich das?

„… die Kompetenz, mich auf etwas völlig Unbekanntes einzulassen und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das Bestmögliche zu erreichen. Ich bin jetzt gelassener, wenn sich etwas ereignet, was ich so nicht herbei kommen sehen konnte. Auch meine Einstellung gegenüber Menschen vom Balkan hat sich geändert. Diese war vorher nicht negativ, aber es ist doch etwas anderes, wenn man ein Land, seine Geschichte und Menschen kennengelernt hat.“

„Ich habe meine sozialen Kompetenzen verbessert, indem ich mit verschiedensten Personen zusammengearbeitet habe. Wir mussten Ideen und Kompromisse finden, verschiedenste Elemente planen, leiten und Verantwortung übernehmen, Rückmeldungen geben, usw. Ich habe aus der Zusammenarbeit viele neue Ideen für die Arbeit mit Kindern gewonnen und auch gelernt, spontan und offen zu sein und nicht immer zwei Wochen vorher schon alles zu planen.“

 

Was an der bosnischen Kultur/Lebensweise/Mentalität hat dich besonders bereichert?

„Ihre Offenheit und die grundsätzlich positive Einstellung gegenüber neuen Personen und Sachen. Ihren Aberglauben und Sprüche fand ich sehr interessant und viele sind mir geblieben. Dass so viele Personen – Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ältere Menschen - sooo viele Lieder kennen und jedes Wort mitsingen können hat mich fasziniert. Ihre eigene Musik spielt eine grosse Rolle in ihrer Kultur, so wie wir es in der Schweiz nicht kennen.“

„Die Einstellung, dass es immer irgendeinen Weg gibt, auch wenn es momentan nicht danach aussieht. Zum Beispiel bekamen wir ein paar Mal einen Dämpfer in der Projektarbeit. Die Jugendlichen liessen den Kopf jedoch nicht hängen und machten sich unmittelbar daran, eine neue Idee und Lösung zu finden.“

„Es gefiel mir, dass eine Arbeitsweise möglich war, die nicht ganz so autoritär und bürokratisch wie in der Schweiz ist. Damit meine ich, dass vieles durch Mund-zu-Mund Werbung geschieht, sei dies für die Anwerbung von Freiwilligen oder von Kindern am Kids Festival. Das Projekt muss nicht todseriös mit von A-Z designten und gedruckten Flyern agieren, sondern es entsteht auch etwas mit selbstgemachten Plakaten und aus eigenem Tun.“

„Ich fand die Offenheit und die Warmherzigkeit, mit der wir aufgenommen und behandelt wurden, sehr berührend und positiv. Es bestand ehrliches Interesse und eine grosse Motivation für die gemeinsame Zeit, die wirklich ansteckend war. Zudem stiess ich immer auf Unterstützung und Hilfsbereitschaft. Mir gefallen auch die traditionellen bosnischen Tänze, welche wir am bosnischen Kulturabend getanzt haben. Diese lockere Mentalität finde ich faszinierend.“

 

Was an der bosnischen Kultur/Lebensweise/Mentalität hat dich besonders herausgefordert?

„… Ihre ultra Spontaneität; ihre für mich komplizierte Art zu planen; dass man sich nicht auf sie verlassen kann; Mangel an Materialien und Infrastruktur.“

„Dass sich viele dem Schicksaal ausgeliefert fühlen. Dass sie wenig Geld haben, an einem gewissen Ort wohnen, einer gewissen Religion angehören oder ihr Land in einer gewissen politischen Situation steckt, nehmen viele als Ausrede, warum sie nicht ins Ausland gehen, ihren Träumen folgen oder ihre Generation im allgemeinen nichts ändern kann. Es ist schwierig etwas auf solche Aussagen zu antworten. Man will sie stärken, sagen, sie können das werden und machen, was sie wollen. Gleichzeitig ist einem bewusst, dass die Situation tatsächlich schwierig und ohne viel Geld vieles nicht möglich ist.“

„Anfangs fand ich es schwierig, mich mit all den Spuren des Krieges auseinanderzusetzen. Jedoch haben die Bosnier offen über das Thema gesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man mit all den Ereignissen in der eigenen nahen Vergangenheit klarkommt.“

 

Welche Einsichten hast du über das Zusammenleben von Christen und Muslimen gewonnen?

„Es hat mich sehr beeindruckt wie selbstverständlich in Vares Christen und Muslime zusammen leben. Es hat mich auch sehr ergriffen, wie offen Jugendliche im Projekt miteinander umgegangen sind. Sie haben mir erzählt, wie unsinnig sie es finden, dass christliche und muslimische Kinder in der Primarschule separiert werden. Mit dieser Offenheit der neuen Generation habe ich Hoffnung für Bosnien, dass die Konflikte, die  immer noch spürbar sind, bald ein Ende nehmen werden.“ 

„Wie würde es wohl aussehen in einem Land, wo beide Religionen, Christentum und Islam, verankert sind? Besonders spannend fand ich, dass es nie ein Thema war, ob jemand Schwein oder kein Schwein isst. Es gibt einfach genug bosnische Rezepte, die mit Huhn oder Kalb gemacht werden können. Somit sind alle beim Essen willkommen. Mit dieser oft gestellten Frage in der Schweiz werden viel mehr Unterschiede betont als Gemeinsames gefördert.“

„In bosnischen Dörfern und Städten gehört immer beides zur Ortsgeschichte: Moschee und Kirche - beiden Religionen wird gleich viel Wichtigkeit zugemessen. Es war ungewohnt, dass die Jugendlichen sehr viel vom eigenen und dem Glauben der anderen wissen. In der Schweiz ist das Privatangelegenheit, und man getraut sich nicht, etwas zur Religion zu fragen. Ich hoffe, dass in Zukunft die Neugierde die Vorurteile überwiegt und die jungen Generationen sich fleissig beschnuppern werden.“

 

Welche Chancen und Schwierigkeiten hast du erlebt, die mit der Freiwilligkeit des Projektes zu tun haben?

„Ich denke es ist ein Vorteil, dass das Projekt freiwillig ist und keine «Vorgaben» hat. So haben auch jene eine Chance, die man evtl. gar nicht in das Projekt aufgenommen hätte, gäbe es Ausschlusskriterien. Diese Jugendlichen engagieren sich vielleicht am Ende sogar noch mehr als die anderen. Der Nachteil besteht darin, dass einige Jugendliche nur dabei waren, um sich die Zeit zu vertreiben und mit ihren Freunden zusammen zu sein. Das machte es schwierig, man musste sie auf vieles hinweisen und sie pushen. Durch die Freiwilligkeit besteht auch jeden Tag eine gewisse Unsicherheit, wie viele Teilnehmer schlussendlich mitmachen werden.“

 

Welche Erkenntnisse hast du bezüglich Förderung von Gendergerechtigkeit im interkulturellen Kontext gewonnen?

„Ich sah das erste Mal mit meinen eigenen Augen, dass es für eine weibliche Leitungsperson deutlich mehr Arbeit bedeutet, von jungen Männern Respekt zu bekommen als für mich als männliche Person. Relativ schnell merkten wir Schweizer Männer, dass wir uns als Vorbilder verhalten sollten. Manchmal haben wir uns extra in eine Situation begeben, wo wir traditionell weibliche Rollen übernahmen, wie zum Beispiel beim Abwaschen, dem Reinigen der WCs, des Bodens, oder beim Tanzen und Singen.“

 

 

Sarajewo, 12. Dez. 2018